Textatelier
BLOG vom: 31.10.2007

Schäme dich! Vom Eckenstehen bis zur Schocktherapie

Autor: Emil Baschnonga, Aphoristiker und Schriftsteller, London
 
Als Felix etwas verspätet zum Abendessen nach Hause kam, herrschte ihn sein Vater an: „Schäme dich!“ und verwies ihn in die Ecke der Küche. Dort starrte Felix auf den gelblich verblassten Ölfarbenanstrich. Oft kullerten in dieser Strafecke Tränen aus den Augen des 8-jährigen Knaben und rannen an der Wand hinab. Er verstrich diese Spuren seiner Not mit dem Zeigefinger. Jede Kleinigkeit genügte, dass er in diese Ecke verwiesen wurde.
 
Als er 11 Jahre alt geworden war, ging ihm langsam auf, dass er solche Strafe nicht verdient hatte. Schliesslich hatte er nichts verbrochen. Auch in der Primarschule kam es vor, dass ein Schüler zur Strafe in die Ecke kam. Auch ich wurde hin und wieder zum Eckensteher – und meistens nicht ohne guten Grund.
 
Wie kommt es, dass ich mich an Felix erinnerte? Er war mager und zappelig und spielte nicht mit uns im Pausenhof. Er fuhr in seiner Vorstellung Auto, hielt und drehte mit schwungvollen Armbewegungen immerfort ein grosses Lenkrad und imitierte dabei Motorengeräusche. Wir liessen ihn deshalb links liegen. Einmal fragte er mich, ob ich auch zu Hause die Ecke beziehen müsse. Ich verneinte.
 
Ich frage mich heute, was aus ihm geworden ist. Eines Tages war sein Platz in der Schulklasse leer. Er wurde in die Hilfsschule versetzt. Es wurde gemunkelt, dass er Ladendiebstähle begangen hatte.
*
„Schocktaktik“ hiess der Titel eines ausführlichen im „Sunday Times Magazin“ (28.10.2007) veröffentlichten Artikels. Im „Judge Rotenberg Educational Center“ bei Boston in Massachusetts, USA, werden rund 230 schwererziehbare Zöglinge, worunter auch Kinder mit Lernschwierigkeiten (mentally retarded), mit Elektroschock behandelt. Die gleiche Therapie wird auch schizophrenen, autistischen und bipolaren Insassen dieser staatlich unterstützten Anstalt verabreicht. Die Berichterstatterin Jennifer Gonnerman schrieb: „Ähnliche Praktiken werden in Abu Ghraib (Gefängnis für verdächtigte Terroristen) eingesetzt. Selbst Serienmörder und Kinderschänder sind von solchen verbrecherischen Quälereien verschont.“
 
„Studenten“ – so werden diese fortlaufend vom Aufsichtspersonal und von elektronischen Anlagen überwachten Zöglinge genannt. Viele von ihnen tragen einen Rucksack mit batteriegespeisten Elektroden, die an die Haut geheftet sind. Selbst bei kleinsten Verstössen gegen die Hausregeln löst das Aufsichtspersonal auf Knopfdruck einen Elektroschock aus. Das Schulpersonal sagt, dass dieser Schock nicht schlimmer als ein Bienenstich sei. Jennifer Gonnerman, die sich freiwillig diesem Schock ausgesetzt hatte, vergleicht die Qual mit dem Befinden, das sich einstellt, wenn man von einem Schwarm Wespen gestochen wird.
 
Mit solch einer verwerflichen Remedur soll gutes Betragen gefördert werden … Welche katastrophalen psychologischen Nachwirkungen entstehen, hat sie im Fall von Rob verfolgt. Im Alter von 13 Jahren wurde Rob von seinen Eltern in dieser Anstalt versorgt, wo er 3½ Jahre verbrachte. Bis zu 24 Stunden täglich blieb Rob mit seinem Marter-Rucksack verbunden. In dieser Anstalt gibt es keine psychiatrische Betreuung. Trotz oder wegen dieser Behandlung kam Rob nach seiner Entlassung erneut mit dem Gesetz in Konflikt. Er gestand Jennifer Gonnerman, dass diese Anstalt schlimmer als das Gefängnis sei – der schlimmste Ort auf der Welt.
 
Das „Rotenberg Educational Center“ wird vom radikalen „Behavioralisten“ (Verhaltensforscher) Dr. Matthew Israel geleitet. Der Doktortitel wurde ihm von der „Harvard Universität“ verliehen. Das benutzte Elektroschocksystem heisst „Sibis – Self-Injurious Behavior Inhibiting System“, das Selbstverletzungen und Nebenwirkungen verhindern soll. Heute wird ein stärkeres GED-System verwendet, da die Wirkungen nach x-maligen Schocks verflachen. Jenniver Gonnerman durfte Dr. Israel, von 5 seiner Mitarbeiter bewacht, auf einem Rundgang durchs Zentrum begleiten. Sie wurde einigen Musterschülern vorgestellt. Jedes Gespräch aus ihrem eigenen Antrieb wurde ihr verunmöglicht. Einer „Studentin“ jedoch gelang es, ihr flüchtig einen Zettel beschriftet „Help us!“ zu zeigen. Jeder weitere Kommentar ist überflüssig.
 
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